Aktuelles › FSU Jena • Die euro­päi­sche Haupt­stadt der Physik

Die Euro­päi­sche Phy­si­ka­li­sche Gesell­schaft ver­leiht der Stadt Jena den Ehren­ti­tel „His­to­ri­sche Stätte der Physik“

Die Stadt Jena ist als eine „His­to­ri­sche Stätte der Phy­sik“ in den Rei­gen bedeu­ten­der Orte auf­ge­nom­men wor­den, an denen bahn­bre­chende Ent­de­ckun­gen und Inno­va­tio­nen gelan­gen. Die­ser Titel wurde der Stadt in fei­er­li­cher Form am ver­gan­ge­nen Mon­tag (7. Juni) wäh­rend eines Fest­ak­tes in der Aula der Uni Jena von der Euro­päi­schen Phy­si­ka­li­schen Gesell­schaft (EPS) ver­lie­hen. Jena ist damit die erste Stadt, die den Ehren­ti­tel tra­gen darf. Bis­lang wur­den nur ein­zelne For­schungs­ein­rich­tun­gen, Labore oder wis­sen­schaft­li­che Insti­tute in Europa, den USA und Indien in die Liste aufgenommen.

„Seit der frü­hen Neu­zeit leis­te­ten Phy­sik und Astro­no­mie in Jena wesent­li­che Bei­träge zur Ent­ste­hung, Fes­ti­gung und Ver­brei­tung des moder­nen Welt­bil­des. Beson­ders her­vor­zu­he­ben sind die Bei­träge zur Optik, Gra­vi­ta­ti­ons­theo­rie und Fest­kör­per­phy­sik, die in enger Zusam­men­ar­beit mit wis­sen­schaft­li­chen Instru­men­ten­bau­ern und Nach­bar­dis­zi­pli­nen ent­stan­den“, so lau­tet der Text auf der Ehren­ta­fel, die der Prä­si­dent der EPS Prof. Dr. Luc Bergé wäh­rend der Ver­an­stal­tung ent­hüllte und die in Zukunft am Ein­gang des Haupt­ge­bäu­des der Phy­sik am Max-Wien-Platz 1 ange­bracht sein wird.

Der Prä­si­dent der Fried­rich-Schil­ler-Uni­ver­si­tät Jena, Prof. Dr. Wal­ter Rosen­thal, nennt die enge Kopp­lung von Wis­sen­schaft, tech­ni­scher Inno­va­tion und indus­tri­el­ler Pro­duk­tion als Geheim­nis des Jenaer Erfolgs: „Jena war welt­weit einer der ers­ten Stand­orte, an dem aus die­ser Ver­bin­dung ganze Inno­va­ti­ons­sys­teme ent­stan­den. Ihnen ver­dan­ken wir etwa Mikro­skope, Tele­skope, Foto und Film­ob­jek­tive, Mess­tech­nik und oph­tal­mo­lo­gi­sche Geräte.“ Die beson­ders hohe Dichte von For­schungs­ein­rich­tun­gen zeichne den Ort aus, zudem die enge Ver­knüp­fung von Wis­sen­schaft, wis­sen­schaft­li­chem Instru­men­ten­bau und indus­tri­el­ler Fertigung.

Neben Optik ganze Band­breite der Phy­sik in Jena

Natür­lich stehe an der Wir­kungs­stätte von Carl Zeiß, Ernst Abbe und Otto Schott die Optik im Mit­tel­punkt, sagt Prof. Dr. Chris­tian Spiel­mann, der Dekan der Phy­si­ka­lisch-Astro­no­mi­schen Fakul­tät der Fried­rich-Schil­ler-Uni­ver­si­tät Jena. „Es wäre jedoch zu kurz gegrif­fen, die Phy­sik in Jena nur auf die Optik zu beschrän­ken“, so Spiel­mann. So habe die Fest­kör­per­phy­sik in der Expe­ri­men­tal­phy­sik eine lange Tra­di­tion und wich­tige Erkennt­nisse vor allem in der Tief­tem­pe­ra­tur- und der Halb­lei­ter­phy­sik gelie­fert. Aber die Gren­zen zwi­schen den Berei­chen ver­schwin­den immer mehr. „Wir unter­su­chen neue struk­tu­rierte Halb­lei­tern­ano­ma­te­ria­lien, zuerst mit opti­schen Metho­den und set­zen sie bei neuen Opti­ken ein.“ Nicht ver­ges­sen wer­den dürfe zudem die wich­tige Rolle der theo­re­ti­schen Phy­sik und Astro­no­mie in Jena, wo etwa für kurze Zeit der Nobel­preis­trä­ger Erwin Schrö­din­ger gewirkt habe.

Ein „Rei­se­füh­rer Phy­sik“ hilft, die his­to­ri­schen Orte aufzuspüren

„Die Aus­zeich­nung für Jena wür­digt die ganz beson­dere lokale Inno­va­ti­ons­kul­tur“, sagt PD Dr. Chris­tian Forst­ner, der den Fach­ver­band Geschichte der Phy­sik in der Deut­schen Phy­si­ka­li­schen Gesell­schaft lei­tet. Diese Inno­va­ti­ons­kul­tur habe aus­ge­hend vom Kai­ser­reich alle Sys­teme über­dau­ert und sei bis heute maß­geb­lich für die Erfolge des Wissenschaftsstandortes.

Chris­tian Forst­ner, der gegen­wär­tig als Hei­sen­berg-Fel­low an der Uni­ver­si­tät Jena lehrt, hatte die Bewer­bung der Stadt ange­sto­ßen und mit sei­nem Mit­ar­bei­ter Mar­kus Ehber­ger umge­setzt. Um Besu­chern Jenas die Geschichte der Phy­sik am Ort nahe­zu­brin­gen, ist zum Ter­min der Ver­lei­hung der Band „Kom­mu­ni­ka­ti­ons­raum Stadt – His­to­ri­sche Stät­ten der Phy­sik in Jena“ erschie­nen, der eine Aus­wahl von Orten der Phy­sik­ge­schichte in Jena ver­sam­melt. Auch eine neue Web­seite der Uni Jena greift diese Infor­ma­tio­nen auf. Neben der zen­tra­len Gedenk­ta­fel wer­den die maß­geb­li­chen Gebäude mit einem QR-Code ver­se­hen, damit sich Besu­che­rin­nen und Besu­cher direkt vor Ort infor­mie­ren kön­nen. Die Reihe der his­to­ri­schen Stät­ten beginnt mit dem Col­le­gium Jenense, dem Grün­dungs­ort der Uni­ver­si­tät, und setzt sich über die Stern­warte in der Schil­ler­gasse fort. Ebenso dazu zäh­len das Hell­feld­sche Haus in der Neu­gasse, in dem Ernst Abbe seine Mikro­skop­theo­rie begrün­dete, sowie Gebäude der Jenaer Phy­sik am Helm­holtz­weg und Frö­bel­stieg. Mit der Aus­zeich­nung ehrt die EPS nicht nur eine räum­li­che Ansamm­lung von Gebäu­den, son­dern eine Stadt, einen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­raum, in dem eine ein­zig­ar­tige Inno­va­ti­ons­kul­tur ent­stand und bis heute fortlebt.

Wis­sen­schaft­li­cher Ansprechpartner

PD Dr. Chris­tian Forstner
AG Wis­sen­schafts­ge­schichte – „Ernst-Haeckel-Haus“ – der Fried­rich-Schil­ler-Uni­ver­si­tät Jena
03641 / 949504
ed.anej-inu@rentsrof.naitsirhc